Konzertrezensionen
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Rezensionen 2009
30.12.2009
Musik in Dresden
Unwiederholbar und unwiderstehlich
Dresdner Kammerchor beendete Israel-Gastspielreise
Heiligabend im Kreise der Lieben verbringen, dieser Wunsch ging für 29 Sänger des Dresdner Kammerchores in diesem Jahr nicht in Erfüllung. Stattdessen erklärten sie sich bereit, bei einer besonderen Gastspielreise mitzuwirken. Dass man das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach an den hohen Feiertagen selbst mitgestalten darf, ist schon Geschenk genug. Eine besondere Qualität erhielten die Aufführungen des Dresdner Kammerchores aber durch den Ort des Geschehens in der Geburtskirche zu Bethlehem (am 24.12.) und in der Erlöserkirche Jerusalem (am 25.12.). Authentischer wäre nur noch eine Aufführung auf freiem Feld gewesen, aber an dieser vermuteten Stelle steht nun eben die Geburtskirche.
Namhafte Solisten, das Orchester "La Scintilla", der Dresdner Kammerchor und der charismatische italienische Dirigent Riccardo Chailly, der das musikalische Ereignis "unwiederholbar, aber auch unwiderstehlich" nannte, kamen musikalisch zunächst in der Tonhalle in Zürich zusammen, wo am 21.12. ein ausverkauftes Konzert quasi als Generalprobe für Israel diente. In Tel Aviv musizierte man alsdann in der Israeli Opera alle sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums, bevor es zu den historischen Stätten in Bethlehem und Jerusalem ging. Der Palästinenserpräsident Mahmut Abbas wohnte der Aufführung am 24.12. in Bethlehem bei. Das Österreichische und das Schweizer Fernsehen übertrugen live, darüberhinaus gingen die Bilder vom Weihnachtsoratorium in Bethlehem und Jerusalem auch nach Finnland und Japan. Mit den Aufführungen setzte der Veranstalter, das Opernhaus Zürich, ein Zeichen zur Unterstützung des Friedensprozesses im Nahen Osten.
Für den Dresdner Kammerchor war dies auf keinen Fall eine normale Konzertreise, ein Chorist bezeichnete die Erlebnisse eher als "inneren Gottesdienst": jeder mit dem Bach-Werk vertraute Sänger wird den geistlichen Inhalt, der kommuniziert wird, in besonderer Weise in Israel selbst neu verstehen. Bachs Musik gerät so zu einer globalen Sprache, die auch die Zuhörer - gleich welcher Religion und welcher Überzeugung - bei den Konzerten erreichte. Die Reise an Weihnachten indes geriet so zu einer spirituellen Fahrt, bei der auch das Miteinander nicht zu kurz kam: wie in einer "Familie" wurde gemeinsam in Bethlehem und Jerusalem Weihnachten gefeiert.
Alexander Keuk
21.11.2009
Musik in Dresden
Ich, du, er, sie, es, wir alle, Ödipus und Ödipussi
Auch wenn nicht alles, was der neue Intendant Dieter Jaenicke bislang vornehmlich in Gastspielen aus dem bewährten Repertoire der internationalen Moderne präsentierte, so ganz taufrisch war: für einen angenehmen Aufwind sorgte er damit auf jeden Fall. Und wenn es stimmt, dass der Ton die Musik macht, dann sorgen auch ansprechende Formen der Präsentation in Verbindung mit gelungenen Kommunikationsangeboten für angenehme Erneuerungen.
Dass der Tanz mit seinen offenen Formen für ihn eine gute Möglichkeit biete unterschiedliche Kunstformen zusammenzuführen, betonte Jaenicke gleich zu Beginn. Jetzt gibt es die erste regelrechte Hellerauer Neuproduktion, die Constanza Macras mit ihrer Compagnie Dorky Park, der Dresdner Philharmonie und dem Dresdner Kammerchor unter einem frei schwebenden Bühnenbild von Chiharu Shiota zusammenführt.
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Dass man das Hellerauer Team zu dieser Pilotproduktion aber dennoch nur beglückwünschen kann, liegt daran, dass die Tänzerinnen und Tänzer von großartiger Präsenz sind, kräftig und zart, berührend auch, wenn sie in einem Augenblick hellster Visionen so wunderbar einander tragen und ertragen.
Das liegt daran, dass mit den Herren des Dresdner Kammerchores in der Einstudierung von Jörg Genslein ein ausgezeichnetes Ensemble für diesen Part des kommentierenden Chores zur Verfügung steht.
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Boris Michael Gruhl
21.11.2009
Sächsische Zeitung
Feuertaufe für den Graben
Klar musiziert und gesungen, in Standbildern vertanzt: Das Festspielhaus Hellerau bietet Strawinskys Oratorium „Oedipus Rex“.
Drei Premieren kündigte Intendant Dieter Jaenicke am Donnerstag im nicht ausverkauften Festspielhaus Dresden-Hellerau an. Zum einen – natürlich – das zweiaktige Opern-Oratorium „Oedipus Rex“ von Igor Strawinsky. Zum zweiten – und das wurde auch Zeit – die erste Eigenproduktion der fast einjährigen Jaenicke-Intendanz. Zum dritten: der erste Einsatz des bei der Haussanierung 2005 eingebauten Orchestergrabens! Letzterer erfüllt seine Funktion wunderbar. Die Dresdner Philharmonie unter Max Renne war dort nuanciert unterwegs, die Bläsersoli purzelten glasklar, monumentale Tutti ließen den Tessenow-Saal beben. Die Männerstimmen des Dresdner Kammerchors wiederum waren an den Seiten des Grabens platziert und akustisch am präsentesten. Im Gegensatz zu den oft weit hinten auf der Bühne agierenden Solosängern. Lag es an deren eher müden Auftritten oder an den griechisch-epischen Ausmaßen der fast immer wuselvollen Bühne? Der solistische Funke wollte nie so recht zünden.
Unnötig nackter Mann
Visuelle Ausrufezeichen am laufenden Band lieferte jedenfalls das Tanzensemble „Dorky Park“ der bereits mehrfach in Dresden aktiven Choreografin Constanza Macras. Unter einem verstrickten Bühnenbild von Chiharu Shiota, aus dem im Lauf der Zeit einzelne Möbel an Schnüren abgesenkt wurden, spielte sich das Stück mit Blutschande, Verrat, Weissagung und Kampf ab. Trotz mehrerer Sprecher, die das Geschehen erläuterten, vermochte man als Normalsterblicher der tänzerischen Umsetzung des Mythos’ nicht immer zu folgen. Immerhin: Die Standbilder, die die Tänzer hin und wieder auf- und wieder abbauten, beeindruckten. Sie erinnerten an die realistisch-verstörend inszenierten Fotos von Gregory Crewdson.
Ein paar überzeugende Solostimmen mehr, einen unnötig nackten Mann und eine knarzende Maschinerie weniger, und die erste Hellerauer Eigenproduktion seit einem Jahr wäre gelungen zu nennen. So blieben eher gute Einzelleistungen im Gedächtnis, die sich nicht zu einem bestürzend stringenten Ganzen fügen mochten.
Anders Winter
20.11.2009
Mitteldeutsche Zeitung
Das Entsetzen vor der unbezwingbaren Wahrheit
Constanza Macra zeigt «Oedipus Rex» in Dresden-Hellerau
DRESDEN/MZ. Der Himmel über der Szene ist voller Möbel: Tische, Schränke, Stühle, ein Bett baumeln an Seilen wie Puppen. Dazwischen Luftballons, verstreut wie Bilder einer fernen, märchenhaften Kindheit. In der Mitte, übergroß, ein weißes Brautkleid. So beginnt das Spiel um "Oedipus Rex" von Sophokles, die Tragödie vom König Ödipus, der den Psychoanalytikern das große Thema vom Sohn beschert hat, der seine Mutter begehrt. Vom Mann, der in dieser Sehnsucht unfrei bleibt für sich selbst und seine Bindungen.
Nun hat die Choreographin und Regisseurin Constanza Macra, in Berlin lebende Argentinierin, mit ihrer Compagnie Dorky Park diese Geschichte nach der Fassung des Opern-Oratoriums "Oedipus Rex" von Igor Strawinsky und Jean Cocteau auf die Bühne gebracht. Nach der Uraufführung am Donnerstag im nahe Dresden gelegenen Festspielhaus Hellerau gab es langen, starken Applaus und Bravorufe dafür. Der galt, ganz zu Recht, dem Konzept und einer geschlossenen Ensembleleistung, an der neben den Tänzern und Gesangssolisten auch die Dresdner Philharmonie unter Max Renne und der Dresdner Kammerchor (Leitung: Jörg Genslen) ebenso großen Anteil hatten wie das grandiose, schwebende Bühnenbild von Chiharu Shota.
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Adreas Montag
28.09.2009
Dresdner Neueste Nachrichten
Von Bach bis Gundermann
Die Frauenkirchfesttage boten ein reichhaltiges musikalisches Programm
Es war ein reichhaltiges Programm, das die Frauenkirchfesttage ihren Besuchern am Wochenende boten – Gesprächskonzert, Chormusik und instrumentalen Glanz. [...] Anderntags war der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann zu Gast. Das Hauptinteresse galt einer Uraufführung von Karsten Gundermann, der im Auftrag des Chores und der Stiftung Frauenkirche Epigramme geistlichen Inhalts des barocken Lyrikers Angelus Silesius vertont hat. Von chinesischer Musikkultur beeinflusst, fand er dafür eine äußerst komprimierte, gedankenschwere Tonsprache, den knappen Texten angepasst, die die aufmerksam lauschenden Hörer unmittelbar erreichte. Die Anforderungen an den Chor sind hoch. Für eine gültige Interpretation bedarf es eines Ensembles wie den Dresdner Kammerchor, der auch in exponierten Lagen noch rein und klar klingt, unangestrengt wirkt und sich auf gestalterische Spannungsbögen versteht. Ein kontrastreiches Miteinander von Frauen- und Männerchor, sich immer steigernde Klangtürme und –teppiche, asketische, klangliche Schönheit – alles kam bestens zur Geltung und weckte den Wunsch, dem Werk auch nach seiner Uraufführung wieder zu begegnen.
Mendelssohn-Motetten erklangen entschlackt, schlicht und im Ausdruck ganz aufs Wesentliche konzentriert. Ein faszinierender Dialog entfaltete sich zwischen Chor und der von der Orgel (Hans-Dieter Schöne) hoch oben singenden, mit klarem, leuchtenden Sopran ausgestatteten Marie Luise Werneburg in dem innig flehenden Hymnus "Hör mein Bitten". Nicht minder beeindruckend die intonatorische Perfektion und die gestalterische Tiefe in den a-cappella-Sätzen "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen" (Solo: Tobias Mäthger) und "Mitten wir im Leben sind".
Eine Rarität, nämlich Bruckners Messe in e-Moll, beendete in grandioser Manier das Konzert. Natürlich ist die Messe unverkennbar "brucknerisch", aber wegen des Verzichts auf romantische Klangmittel, auf orchestrale Wucht auch von archaischer, renaissanceartiger Schönheit. Ein achtstimmiger Chor singt den Messtext fortlaufend, ohne Soli und in Gemeinschaft mit einer aus Holz- und Blasinstrumenten bestehenden Harmoniemusik (Bläser der Sächsischen Staatskapelle), womit ein expressiver Gestus ausgeschlossen ist. Der Kammerchor bot eine klug ausbalancierte Interpretation, spannend und bis ins Detail stimmig – in sich ruhend das "Kyrie", plausibel in den unterschiedlichen Gestaltungsansätzen das "Credo", zauberhaft das liebliche, fünfstimmige "Benedictus" atemberaubend das feierliche, gleichsam in sich selbst versinkende "Agnus Dei".
M. Hanns
22.09.2009
Freie Presse
Sang und Klang mit Silbermann
Abschlusskonzert der Silbermann-Tage im Freiberger Dom mit dem Dresdner Kammerchor setzt hoffnungsvolle
Zeichen für fruchtbare Zukunft
Freiberg . Das Abschlusskonzert der diesjährigen Silbermanntage im Dom zu Freiberg setzte ein gutes Zeichen für die Zukunft: Allein die hoffnungsvollen jungen Organisten, die die Preise des internationalen Orgelwettbewerbs errungen haben und sich an der Großen Silbermannorgel des Doms dem Publikum vorstellten, sie werden gewiss in diesem oder jenem Konzert auch in Freiberg wieder zu hören sein. Es war vor allem die Mitwirkung des Dresdner Kammerchors unter Leitung von Hans-Christoph Rademann, die auf eine künftige Kooperation der Gottfried-Silbermann-Gesellschaft mit dem neu entstehenden Musikfest im Erzgebirge hindeutet. Der Präsident der Gesellschaft, Dietrich Wagler, sprach diese Erwartung deutlich aus.
Denn Rademann und der Dresdner Kammerchor waren maßgeblich am Entstehen und an der jahrelangen Funktion des Festes Alter Musik im Erzgebirge beteiligt, das 2008 ausklang und nun in einem neuen und umfassenderen Festival aufgehen soll. Das Abschlusskonzert am Sonntagabend in Freiberg war insofern auch eine Begegnung künftiger Partner. Zumal sich der Freiberger Domorganist Albrecht Koch mit dem Chor zu gemeinsamem Musizieren vereinte. Aus der Höhe des Dom-Lettner herab, wo die Kleine Silbermann-Orgel steht und wo sich der Chor platzierte, hinterließen die Choralkantate Mendelssohn Bartholdys "Verleih uns Frieden" und sein Hymnus "Hör mein Bitten" einen sehr tief gehenden Eindruck.
Es war insgesamt ein vorzüglicher Auftritt dieses renommierten Chors aus Dresden mit einem Programm, das sich ganz und gar dem einen Jubilar des Jahre Felix Mendelssohn Bartholdy widmete. Sein intensiver Umgang mit Bachs Chormusik inspirierte den Komponisten zu vielen geistlichen Werken, darunter Motetten, Kantaten und Psalmvertonungen, die hier zu hören waren. Es war ein Erlebnis. Rademann, der als einer der besten deutschen Chorleiter gilt und unter anderem Chefdirigent des renommierten Rias-Kammerchors ist, kann mit dem Dresdner Ensemble aus dem Vollen schöpfen und ganz auf Interpretation setzen.
Die stimmliche Qualität des Dresdner Kammerchors vereint sich mit einer vorzüglichen Textartikultation. Die dynamisch bis in feinste Nuancen abgestufte Vortragsweise der Mendelssohn-Kompositionen in ihrer kunstvollen Mehrchörigkeit - bis zu vier vierstimmigen Chören in dem abschließenden sehr zu Herzen gehenden "Hora est" - fand in Freiberg viel Anerkennung und langen Beifall.
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Reinhold Lindner
08.08.2009
Dresdner Neueste Nachrichten
Ein Geschenk vom Kammerchor
Öffentliche Generalprobe mit Konzertqualität
Manchmal kann ein Konzert zu einer Erweiterung des Allgemeinwissens führen, die weit über das musikalische Ereignis hinausgeht. Das Konzert des Dresdner Kammerchors, das am Mittwoch in der Dreikönigskirche stattfand, war ein Beispiel dafür. Das erste Werk des Programms, Händels „Utrecht Te Deum“ (Te Deum für den Frieden von Utrecht) HWV 278 entstand 1713 für eine Dankfeier zum Ende des spanischen Erbfolgekriegs, so dass die Aufführung dazu einlud, sich über den historischen Hintergrund zu informieren. Händel hat die Komposition mindestens in Teilen schon vor dem Friedensschluss fertiggestellt und für den gleichen Anlass auch noch ein Jubilate geschrieben. Der Text ist der des Ambrosianischen Lobgesangs, hier aber in englischer Übersetzung aus einem Gebetbuch von 1662. Auf heutige Hörer wirkt die grandiose Festlichkeit eher etwas unverbindlich. Um so bemerkenswerter war die Leistung des Chors unter Hans-Christoph Rademann. Die Intensität des Musizierens teilte sich unmittelbar mit, bezog ihre Kraft aus den kontrastierenden Werkelementen und nicht in erster Linie aus oft beachtlicher Lautstärke.
Mit zwei Chorwerken mit Orgelbegleitung wurde Felix Mendelssohns gedacht. Die Sopranistin Susanna Pütters, die kraftvoll und sensibel sang, und die konsequent zurückhaltenden Interpretationsvorgaben Rademanns verhalfen dazu, das die Hymne „Hör mein Bitten“ aus dem Jahr 1844 die Grenze zum Sentimentalen gerade noch vermeiden konnte. Dadurch kam auch die bildhafte Textbehandlung besser zur Wirkung.
Unter den geistlichen Kantaten J.S. Bachs nimmt „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 durch ihren Umfang und die Vielfalt der kompositorischen Mittel eine besondere Stellung ein. Rademann betonte den Kontrast aus Staccato und Legato in der einleitenden Sinfonia und setzte in der Folge starke Akzente auf den ersten Ton jedes Takts. Gleich darauf musste sich der Chor als koloraturenfest beweisen. Die wunderbar geblasene Solooboe in der Arie „Seufzer, Tränen, Kummer, Not“ sei hier stellvertretend für die ausgewogene und blitzsaubere Leistung des Dresdner Barockorchesters genannt. Die Interpretation setzte auf häufigen Wechsel zwischen Soli und Chorplenum und auf die Herausarbeitung des Charakters der Rhythmuswechsel.
Die solistischen Leistungen von Susanna Pütters, Franziska Gottwald, Eric Stockloßa und Yorck Felix Speer und der Organistin Helene Lerch rundeten ein Konzert ab, das eigentlich eine öffentliche Generalprobe für den Auftritt bei der Bachwoche Ansbach war. Die Musiker machten den Dresdnern das Geschenk einer Veranstaltung bei freiem Eintritt. Und die hatte nicht nur die Qualität eines vollwertigen Konzerts, sie wurde auch dankbar angenommen.
Peter Zacher
07.07.2009
Freie Presse
Instrumentalsoli und berührende Arien verzaubern das Publikum
Dresdner Kammerchor und Dresdner Barockorchester gestalten beeindruckendes Konzert
Schwarzenberg. Die Reihen im Schiff der St.-Georgen-Kirche in Schwarzenberg füllten sich mit gespannten Besuchern und schon bald bot sich, sehr zur Erleichterung der Organisatoren des Konzerts, schnell ein dicht geschlossenes Zuhörerbild.
Die ersten Takte des „Utrechter Te Deums“ eröffneten ein wahres Fest vielschichtiger Klänge vom prächtigen, üppigen und „populären“ Barock Georg Friedrich Händels über die Romantik Felix Mendelssohn-Bartholdys bis hin zum geistlich tiefgründigen und emotionalen Barock Johann Sebastian Bachs. Transparent klingend und zuverlässig geführt vom Dirigat Hans-Christoph Rademanns erfüllte der Dresdner Kammerchor die hohen Erwartungen der Zuhörer. Im „Utrechter Te Deum“ glaubte man, einen echt englischen Chorklang wahrzunehmen, zupackend und klar klingend, dabei sensibel begleitet vom Dresdner Barockorchester.
Für die Hymne „Hör mein Bitten“ Mendelssohns wechselte der Chor samt Sopransolistin und Organistin auf die Orgelempore – sehr zügig musiziert ging dies etwas auf Kosten der Innigkeit am Beginn des Stücks. Das relativ unbekannte Werk Mendelssohns „Hora est“ faszinierte durch die Vierchörigkeit. Diese Vielschichtigkeit konnte man nur nach mehrmaligem Hören auf sich wirken lassen, weil man die Struktur sonst wahrscheinlich nicht erfasst. Wobei es schien, als wäre es für die ausführenden Stimmen zu hoch komponiert oder angestimmt worden. Eine gewisse Anstrengung in den hohen Stimmen war nicht zu überhören.
Und dann als wahres Labsal eine der berühmtesten Kantaten Bachs: „Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen“. Mit berührenden Arien und einer jeden Menschen in seinem Innersten packenden Symbiose von Text und Musik wurde diese dargeboten. Unbedingt zu erwähnen sind die beeindruckenden Instrumentalsoli, die jeder Gemütsregung Seele verliehen und deren Melodik den Zuhörer nicht mehr losließ. Man war sehr versucht, beim Choralsatz einfach mitzusingen und hatte es am Schluss immer noch im Ohr und im Herzen: „Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der Herr tut dir Guts!“
Mit einer Zugabe – der Wiederholung des Schlusschores der Bachkantate – verabschiedeten sich die Musiker, und das Publikum erhob sich beim Applaudieren als Anerkennung für die Leistungen der Mitwirkenden. Vor der Kirchentür gab es anschließend noch manch persönliche Begegnung.
(dz)
20.06.2009
Leipziger Volkszeitung
Blomstedt dirigiert "Paulus" im Gewandhaus
Grandioses Bachfest-Heimspiel mit Mendelssohn
Leipzig. Mit stehendem Jubel ist am Donnerstagabend das Große Concert zum Bachfest im Gewandhaus bedacht worden. Ehrendirigent Herbert Blomstedt interpretierte Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Paulus", Dresdner Kammer- und Gewandhauschor begleiteten das Gewandhausorchester.
[...]
Dafür finden sich der Dresdner Kammer- und der Gewandhauschor. Die vokale Hundertschaft meißelt mit vorbildlicher Artikulation bei dramatischer Wucht die turbae, die Massenszenen, aus Mendelssohns Partitur. Mit warmer, zarter Innigkeit leuchten die Choräle. Eindrucksvoll schwingen die großen, keineswegs altväterlichen, sondern die Möglichkeiten der alten Gattung für eine neue Zeit auslotenden Fugen durch den Saal. Mit unerhörtem dynamischem und klanglichem Reichtum beglücken die mannigfachen Chorformen dazwischen. Unwirklich und körperlos strahlt die Christus-Erscheinung, mit klarer Direktheit und fabelhafter Homogenität beglücken die Chorsolisten. Großchorkultur an der Grenze des Möglichen.
Das Gewandhausorchester steht dem in Nichts nach: Seidig singen die Streicher um Konzertmeister Sebastian Breuninger Mendelssohns herrliche Linien, seine unprätentiöse Harmonik, seine auf Vollkommenheit setzende Instrumentation, lustvoll sekundiert vom Holz. Keine Frage: Mendelssohns Orchester weiß, was es seinem größten Kapellmeister schuldig ist. Und Mendelssohns Nachfolger Herbert Blomstedt, Gewandhauskapellmeister von 1998 bis 2005, weiß es auch: Selbstverständlichkeit.
Unter seinem unvermindert jugendlichen Schlag (bald wird er 82) gibt eins das andere. Jeder Ton entsteht aus dem vorigen und gebiert den nächsten. Jeder der 45 Sätze fügt sich ein in die Logik des Ganzen. Blomstedt respektiert Mendelssohns klassizistischen Gestus, seinen natürlich auch historistischen Zugriff auf die Gattung. Das Klischee aber kehrt er auf den Müllhaufen: "Paulus" komme nicht aus den Fußstapfen Händels und natürlich Bachs heraus, sei überdies eher episch, der spätere "Elias" dagegen sehr viel eigenständiger, besser und dramatisch, was sich im Grunde lediglich auf den Umstand stützt, dass "Paulus" noch Erzähler bemüht. Dass dies allenfalls ein musikologisches Problem darstellt und nichts zu tun hat mit der theatralischen Unmittelbarkeit des "Paulus", beweist eindrucksvoll dieses grandiose Heimspiel.
[...]
Peter Korfmacher
09.06.2009
Dresdner Neueste Nachrichten
Dresdner Kammerchor in der Weinbergkirche
Dresdner Musikfestspiele - Nachlese: Mendelssohns amerikanische Söhne
Mit einem eigenwilligen, in sich stimmigen und bereichernden Programm näherte sich der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann dem diesjährigen Festivalthema, der Neuen Welt: Man ging von Mendelssohns Geburtsort Hamburg auf Spurensuche hinüber nach Amerika, betrachtete den Aspekt des sich gegenseitig bedingenden und befruchtenden, geistigen und kulturellen Austauschs zwischen der Alten und der Neuen Welt. Auch wenn die Chorsätze aus dem 19. bzw. beginnenden 20. Jahrhundert stammten, so stellten die meisten der Hörer schnell fest, dass da so manches Neuland war.
Wieder einmal drückte die besondere Ensemblekultur des Dresdner Kammerchores dem Konzert ihr Qualitätssiegel auf. Die stimmliche Ausgewogenheit und Homogenität ist geradezu luxuriös – glanzvoll disponiert, intonationssicher, stilistisch sicher, federnd im Klang. Der Chor reagierte spielend leicht auf die Regungen Rademanns. Die Stimmen sind nicht nur als Mixtur brillant, auch einzeln (und dazu gab es diesmal allerhand Gelegenheit) überzeugten sie auf der ganzen Linie.
Entschlackt, differenziert und intensiv begann man den Reigen mit zwei herrlichen Mendelssohn-Vertonungen – dem 22. Psalm und dem alten Text „Mitten wir im Leben sind“. Ein doppelchöriges Agnus Dei von Rheinberger schloss sich an. Zu atemberaubender Dichte verschmolzen die Chöre in der Version von Mahlers entrücktem Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.
Von den Wurzeln in europäischer Romantik und dem Streben nach amerikanischer Eigenständigkeit berichtete die weitere Auswahl, etwa das in schlichter Bekenntnishaftigkeit ruhende „Faith“ von George Chadwick oder dessen enthusiastische Seligpreisungen.
Einen nie erlahmenden gestalterischen und musikalischen Bogen spann der Chor in dem Agnus Dei von Samuel Barber. Ein Kaleidoskop von Farben, Ausdrucksnuancen und dynamischer Rafinesse wurde den sehr kontrastreichen, schon „sehr amerikanischen“ Motetten von Aaron Copland zuteil. Schließlich beendete ein strahlender Lobgesang „Praise ye the Lord“ von Charles Ives das Konzert mit „schrägen“ Tönen und Fugen, so lebensprall gesungen, dass der Beifall kein Ende nehmen wollte.
M. Hanns
02.06.2009
Dresdner Neueste Nachrichten
"Die Schöpfung" im Opernhaus
Diese Dresdner Aufführung war auch tagsüber mehrfach im Rahmen des „Haydn Special Day“ der Europäischen Rundfunkunion angekündigt. War sie doch repräsentativer deutscher Bestandteil der musikalischen Erinnerung an den 1732 im niederösterreichischen Rohrau geborenen und 1809 in Wien verstorbenen Komponisten.
[...]
„The Creation“ also – in der englischen Urfassung. Gibt es einen geeigneteren Zeitpunkt als den 31. Mai, den Gedenktag zum 200. Todestag Joesph Haydns? So umwehte die Aufführung im Opernhaus im Rahmen der Musikfestspiele schon vorher der Hauch des Historischen. Dazu kamen ein Ensemble namhafter Solisten, der Dresdner Kammerchor, die Sächsische Staatskapelle unter Robin Ticciati, einem hoffnungsvollen Vertreter seiner Zunft, in der europäischen Musikszene bereits eine „feste Größe“. Die Biographien der Solisten Lisa Milne (Sopran), Christoph Prégardien (Tenor) und Neil Davies (Bariton) zeigen, es sind erste Kräfte. Auch die hiesige Christa Mayer (Alt) sei hier eingereiht, wenngleich sie nur im Finale „Sing the Lord, ye voices all!“ zum Einsatz kommt.
[...]
Eine hervorragende Leistung bot der Dresdner Kammerchor mit einer transparenten, ausdrucksvoll gestalteten Wiedergabe. Das war eine Delikatesse, die wir eigentlich auch erwartet hatten. Großartig die Sächsische Staatskapelle – die Soli gaben dem Geschehen schlüssige Kommentare. Sowohl in den Rezitativen und Arien als auch im Zusammenklang fügten sich die Vokalsolisten ideal zu einer Einheit. Sehr gut waren Hammerklavier (Johannes Wulff-Woesten) und Violoncello (Friedwart Christian Dittmann) zu hören.
Hans Peter Altmann
02.06.2009
Sächsische Zeitung
Joseph Haydns neue Welt
Wohl erstmals erklang Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ am Wochenende in Görlitz’ Peterskirche und Dresdens Semperoper in der englischen Originalsprache.[...]
„Die Schöpfung“ bedeutet, vom Chor zu sprechen. Es gibt die weit verbreitete Tendenz, das Werk mit möglichst großen Chören aufzuführen, denn an Kompositionen dieser Art hat sich bürgerliches Kulturbewusstsein emanzipiert. Der Dresdner Kammerchor mit rund vierzig Sängern bewies, dass eine kleine Besetzung mit schlanker Tongebung dem Werk dienlicher ist als ein Riesenaufgebot an Sängern. Der britische Dirigent Robin Ticciati hatte mit ihm ein Werkzeug zur Verfügung, das seinen Intentionen voll entsprochen haben dürfte. Er legte die Interpretation auf klangliche Transparenz statt auf machtvolles Donnergetöse an. Dadurch gelang ihm die sensible Darstellung von Feinheiten, was die Staatskapelle bereitwillig unterstützte. Trotzdem entfalteten die Ausführenden Kraft, wo immer es nötig war, zumal der Dirigent dynamische Kontraste ausmusizierte.
[...]
Peter Zacher
21.04.2009
Neue Züricher Zeitung
Klingender Bilderbogen
Adam Fischer mit Haydns «Schöpfung» in Zürich
Joseph Haydns «Schöpfung» spiegelt die humanistisch-aufklärerischen Vorstellungen ihres Komponisten. Die Erschaffung derWelt wird hier nicht nur in Tönen nacherzählt, sondern der Kosmos zugleich sinnvoll geordnet: Alles zwischen Himmel und Erde bekommt seinen Platz, und dazwischen unterwirft sich der Mensch freudig der göttlichen Vernunft. Diesen Rahmen erfüllte die Aufführung im 3. Philharmonischen Konzert in der Tonhalle Zürich mit klarer Tongestaltung. Das Orchester der Oper Zürich und der Dresdner Kammerchor erzeugten unter der Leitung von Adam Fischer ein wohlproportioniertes Klangvolumen. Dabei wurde deutlich, wie vertraut der Dirigent Adam Fischer als Mitinitiator der Haydn-Festspiele in Eisenstadt und Begründer der Österreichisch-Ungarischen Haydn-Philharmonie mit der Tonsprache Haydns ist und wie animierend er seine Vorstellungen in diesem klingenden Bilderbogen auf alle Mitwirkenden übertragen kann.
Den funkelnden Witz der Partitur hob Fischer durch überraschende instrumentale Effekte hervor. Nach der langsamen Einleitung und dem spektakulärenVorgang der Lichtwerdung wurden die Tempi gleich beschwingt und blieben es bis zum Schluss. Die Solisten Martina Janková, Christoph Strehl und László Polgár zeichneten sich durch agile Stimmführung aus, der Dresdner Kammerchor gestaltete die Chorsätze dynamisch und spannungsvoll. Auch der dritte Teil, der mit dem naiv gemalten Menschenpaar leicht betulich wirken kann, blieb anmutig und heiter bis zum abschliessenden Lobgesang, dem Fischer noch einmal kräftigen Schwung und kompakte Klangpracht verlieh. Die Freude an der belebten Natur sprach hier ganz unmittelbar zum Zuhörer und liess einen diese «Schöpfung» frisch und neu wie am ersten Tag erleben.
Martina Wohlthat
16.04.2009
Die Welt
Spitzensolisten schöpfen aus dem Vollen
Kriege, Krisen, Katastrophen: Wie diese Welt sein könnte und vielleicht vor dem Sündenfall einmal war, das konnten 2 000 arme Sünder nun in der Musikhalle für zwei Stunden erfahren - und erlebten wahrhaft paradiesische Zustände.
Dirigierte doch Peter Schreier nicht einfach nur ein Haydn-Oratorium, sondern zeichnete dessen "Schöpfung" auf ebenso packend-bildkräftige wie zauberhaft-unirdische Art nach. Schon der Beginn, dieses instrumentale Waten in der Ursuppe, ging unter die Haut, atemberaubend schön, schmerzhaft und fürchterlich gegenwartsnah.
Auch in der Folge boten die Hamburger Symphoniker für die bildhafte Sprache immer neue, zumeist fein differenzierte Farbwerte, schuf Schreier mit ruhiger Gestik ein orchestrales Diorama für eine Vision der besten aller möglichen Welten jenseits frömmelnder Weltenbautätigkeit. Ein Schöpfungsakt voller Schwung, lockerem Klang und vokaler Grazie, der das stolze Sechs-Tage-Werk mit all seinen tonmalerischen Kunstkniffen präzis wie aufregend-zügig auslotete.
Dazu leistete der von Hans-Christoph Rademann wunderbar einstudierte Dresdner Kammerchor nicht nur in punkto Transparenz und Geschmeidigkeit seinen Beitrag, sondern auch bei der Ausdrucks-Spannweite: vom schattenhaften Pianissimo des Anfangs bis hin zu den gewaltigen Fortissimo-Ausbrüchen. Selbst die ständigen Lobpreisungen gerieten hier zu schlackenlos-humanen Klangwundern jenseits üblicher Jubelchöre.
Auch die drei Solisten machten aus den scheinbar naiven Bildern eindrucksvoll-empfindsame Szenen. Allen voran die Erzählungen Thomas Quasthoffs, dessen ebenso lyrischer wie klangvoller, höchst diszipliniert geführter Bassbariton nicht nur immer wieder zu einem schier unglaublich textspezifischen Ausdruck von den schäumenden Wellen bis zum brüllenden Löwen fand, sondern später auch als Adam im Duett mit seiner Eva Ute Selbig zu einer himmlischen klanglichen Ausgeglichenheit. Zuvor als Gabriel hatte deren Sopran Anmut und Formsinn bewiesen, locker waren da aus innerer Ruhe die Koloraturen aufgeflattert. Ein Ausflug ins Paradies, den auch der bei aller Geschmeidigkeit ein wenig an der Oberfläche bleibende Tenor Lothar Odinius kaum trübte.
jh
16.04.2009
Hamburger Abendblatt
Jubel für Haydn und Quasthoff
"Die Schöpfung": Symphoniker und Dresdner Kammerchor
Hamburg - Bei der ersten öffentlichen Aufführung von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" anno 1799 standen rund 400 Ausführende auf der Bühne. Von solchen Dimensionen war das Konzert der Hamburger Symphoniker in der prall gefüllten Laeiszhalle weit entfernt - denn die Mitglieder des Orchesters und des Dresdner Kammerchores machten zusammen etwa ein Viertel der damaligen Besetzung aus.
Dirigent Peter Schreier nutzte das vergleichsweise schlanke Aufgebot zu einer Interpretation, die mitunter kammermusikalische Transparenz erreichte - und den Solisten viel Spielraum für gestalterische Nuancen eröffnete. Bassbariton Thomas Quasthoff demonstrierte dabei seine reich differenzierte Sprachgestaltung, indem er den Text mit liebevoller Sorgfalt und großer Wärme auskostete, wirkte allerdings nicht durchweg so kraftvoll wie beim berühmten tiefen D auf dem Wort "Gewürm".
Ein echtes Glanzlicht war der Auftritt des Dresdner Kammerchores mit seinem sehr feinen und homogenen Klang, während die Symphoniker bei allem Engagement doch noch die eine oder andere Baustelle auf dem Weg zum Spitzenorchester offenbarten. Der Beifall war trotzdem gewaltig.
Stä
21.01.2009
neue musikzeitung
Kurzweil, Information und Uraufführung
1. Dresdner Chorwerkstatt für Neue Musik
Der Ansatz ließ aufhorchen: Zur 1. Dresdner Chorwerkstatt für Neue Musik war geladen, da hätten künftige Wege, neue Denkansätze, unbekannte Gedanken gar erwartet werden können. Doch die intellektuelle Ausbeute beschwor erst einmal das Vergangene. Kein Wunder: Chormusik und deren Pflege resultiert nun mal zuvörderst aus dem 19. Jahrhundert, die damaligen Singebewegungen schufen die Grundlagen für heutigen Gruppengesang. Da ist es egal, ob Kammerkonzert oder Massenchöre gemeint sind.
Ja, auch die Fischer-Chöre kamen zu ihrem Recht, wurden nicht einmal arg desavouiert, sondern erhielten etwas gönnerhaft – denn sympathisch sind sie ja doch?! – Daseinsberechtigung erteilt. Wo man singt, da lass dich ruhig nieder?
Nein, ganz so einfach haben es sich die Veranstalter denn doch nicht gemacht. Fünf Tage lang galt das Augenmerk von Dresdens Musikhochschule Carl Maria von Weber und Dresdner Kammerchor dem Gruppengesang im Heute, wurde theoretisch und praktisch über die aktuell gegebenen Möglichkeiten des Genres und der Ensembles doziert und probiert. Das Ergebnis – nach Symposien zu "Chormusik im 20. und 21. Jahrhundert", zu "Musikalischer Intention und Klangsuche" sowie zu "Transkription und Interpretation", nach Komponistenporträts und öffentlichen Proben – gipfelte in einem Abschlusskonzert mit gleich vier Uraufführungen nebst Werken von Berio und Brahms, Gottwald, Lachenmann und Schwitters.
Was neu ist, hat es in der Stadt kultureller Behäbigkeit natürlich nicht leicht. So fand diese Chorwerkstatt denn auch nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Interessant war deren Ansatz nicht minder. Insbesondere die Initiatoren Jörn Peter Hiekel (Leiter der Instituts für Neue Musik an der Dresdner Musikhochschule) und Hans-Christoph Rademann (Chefdirigent des RIAS-Kammerchors und Leiter des Dresdner Kammerchors) machten sich um Fortbestand und Identitätsfindung der Gattung verdient. Mit Helmut Lachenmann hatten sie zudem einen Praktiker im Boot, der aus eigenen Erfahrungen ("Das Mädchen mit den Schwefelhölzern") anregend zu plaudern verstand. Und ausgerechnet er war es denn auch, der aufgrund eines glücklich überstandenen Doppelinterviews mit Gotthilf Fischer dessen Unterhaltungserfolge ins Gespräch brachte.
Ziel der Zusammenkunft war freilich die klingende Musik. Im Abschlusskonzert standen denn auch Werke auf dem Programm, die den Arbeitstitel "Chormusik im 20. und 21. Jahrhundert" noch einmal eindrucksvoll reflektierten. Neben den genannten (Alt-)Meistern war es (Jung-)Komponisten wie Reiko Füting (Jg. 1970), Karsten Gundermann (Jg. 1966), Florian Heigenhauser (Jg. 1963) und Alexander Keuk (Jg. 1971) vorbehalten, sich mit einem Chorwerk von Johannes Brahms zu beschäftigen und das Vineta-Thema zu deuten. Da wurde vieldeutig in schier unerforschliche Abgründe getaucht. Die verborgenen Schätze allerdings harren noch ihrer Hebung. Insofern lässt die 1. Dresdner Chorwerkstatt auf Fortsetzung hoffen.
Michael Ernst
19.01.2009
Dresdner Neueste Nachrichten
Das Staunen der Sterblichen
Dresdner Chorwerkstatt mit Konzert beendet
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Wunderbar heiter war [...] die Stimmung des Konzerts zum Abschluss der 1. Dresdner Chorwerkstatt, die der Dresdner Kammerchor angeregt hatte. Wer sich durch den Eisregen gekämpft und zuletzt die Hürden des streikenden Ticketsystems überwunden hatte, konnte den Kammerchor mit einem kurzweiligen Programm und drei Uraufführungen erleben. Reiko Füting, Alexander Keuk und Florian Heigenhauser waren beauftragt gewesen, sich mit einem Chorwerk von Johannes Brahms auseinanderzusetzen und den jeweiligen Text neu zu vertonen. Faszinierend war es zu hören, wie sich Fütings Komposition "der töne licht" in das "Abendständchen" unmerklich einschlich, einige Passagen seltsam sich zerdehnten und die romantischen Harmonien sich dann zerlegten, um bald in vier Ebenen gegen- und übereinandergeschichtet neue tonale Bedeutung zu generieren. Alexander Keuk ging ähnlich vor; ließ er doch die Chorsänger musikalisch nach der alten Wunderstadt Vineta tauchen, atmen, tiefer tauchen Richtung Glockenton; bis schließlich unirdische Engelsstimmen die Reisenden umschwirrten, umgarnten, schier um den Verstand zu bringen schienen. Wo die Genannten den Naturalismus der Brahmsschen Musik eher noch steigerten, zerpflückte Florian Heigenhauser schroff das "Letzte Glück" (Text: Max Kahlbeck) und dekonstruierte die Musik bis zum künstlerischen Stillstand.
Das Entstehen, das Einüben, das Dirigieren und stimmliche Interpretieren dieser Werke hautnah miterleben konnten die Teilnehmer der Chorwerkstatt, die, finanziell ausgestattet durch das KlangNetz Dresden, in den vergangenen Tagen Gesprächssymposien, Vorträge und ganz praktische Chorarbeit verknüpfte. So erläuterte Hans-Christoph Rademann etwa, wie der Dresdner Kammerchor mit der oft recht begrenzten Probenzeit haushält, wie kniffelige rhythmische Probleme dirigentisch gelöst werden.
Der Heterogenität der künstlerischen Vorbildung der Teilnehmer (von der Hebamme bis zum Chorknaben, vom engagierten Laiensänger bis zum emeritierten Chorleiter) angepasst war ein viertes Auftragswerk, das die Chorwerkstatt-Teilnehmer nach der Pause selbst zu Gehör brachten. Karsten Gundermann schuf für "EMOTIK" eine sehr reduzierte, leicht verständliche Symbolsprache für vier Stimmen und Publikum; die Partitur wurde dann in Echtzeit auf die Leinwände des Neuen Hochschulsaales projiziert. Als Experiment war's wohl ganz amüsant, allein: Mancher Teilnehmer hätte sich sicherlich größere Herausforderungen, ambitioniertere Singepraxis gewünscht.
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Martin Morgenstern