Konzertrezensionen
11.05.2010
Dresdner Neueste Nachrichten
Emotionale Spanne
Ungewohnte Schumann-Sicht mit Hans-Christoph Rademann
Das sinfonische Werk von Robert Schumann ist bekannt und bildet zum Schumann-Jahr gewissermaßen die Eckpfosten des Feldes, auf dem sich gut nach verborgenen Schätzen graben lässt. Für die Jubiläumskonzerte in der Frauenkirche hatte Hans-Christoph Rademann einen dieser Schätze gehoben und die selten gespielte Missa sacra c-Moll op. 147 aus der Düsseldorfer Zeit des Komponisten mit dem Dresdner Kammerchor und der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz aufgeführt.
Nach Schumanns Mitteilung an seinen Verleger sollte das Werk „nicht schwer ausführbar" sein, aber der hatte gegenüber einer Eignung für den Gebrauch bei Kantoreien begründete Bedenken. Dass die Messe weitgehend unbekannt blieb, wird auch daran gelegen haben, dass Schumann sie selbst nicht mehr aufführen konnte. In der aktuellen Aufführung zeigte Rademann die dramatischen Dimensionen dieser Kirchenkomposition. Besonders in den Orchesterstimmen stecken ungewohnte Deutungen und Kommentare des Messtextes. Die kraftvolle wie stimmlich ausgewogene Darbietung durch den Dresdner Kammerchor brachte die emotionale Spanne der Missa sacra voll zur Geltung, und Rademann gelang es, die immensen Kontraste zwischen Dunkel und Jubel kraftvoll darzustellen.
Ganz aus der Stille entfaltete sich das Kyrie, aufgewühlte Passagen im Quoniam, bedrohliche Untermalungen des Orchesters für das Crucifixus. Die erstaunlichste Wirkung entfaltete das Sanctus, das sich wie aus einem Nebel erhob, um im strahlenden Amen zu gipfeln. Das abschließende Agnus Dei wiederholte den dunkel getragenen Beginn in einem großen inhaltlichen wie musikalischen Bogen. Vorbehaltlos verlassen konnte sich der Dirigent neben seinem Chor auf das Orchester, das alle Gestaltungswünsche eindeutig und intensiv ausformte. Sehr innige Momente brachten die wenigen Soli der Messe, die Rademann aus dem Chor singen ließ: Anja Zügner (Sopran) mit Begleitung von Violoncello und Orgel (Friedrich Kircheis), überzeugend ebenso Jens Horenburg (Tenor) und Cornelius Uhle (Bass).
Dass sich Hans-Christoph Rademann in diesem Programm auch als Interpret einer romantischen Sinfonie betätigte, sollte man nicht nur als einen erfreulichen Nebeneffekt nehmen, denn seine Sicht auf Schumanns Sinfonie Nr. 2 C-Dur war in ihrer genauen dynamischen und erfrischend prägnanten Auslegung beachtenswert. Mitreißend akzentuiert spielte die Robert-Schumann-Philharmonie und mit klar geschnittenem Klang, der auch im Nachhall der Frauenkirche die Stimmen durchhörbar hielt. Insbesondere der Adagio-Satz bestach durch seinen tief atmenden und ruhenden Gestus und war mit intensiv herausgearbeiteten Soli ein echtes Erlebnis. Strahlend und federnd beschloss Rademann die Sinfonie, und der Eindruck, dass sich Dirigent und Orchester bestens ergänzt und verstanden hatten, war dem klingenden Ergebnis mühelos abzugewinnen.
Hartmut Schütz
09.01.2010
Leipziger Volkszeitung
Nach innen gekehrte Freude
Riccardo Chailly dirigiert Bachs komplettes Weihnachtsoratorium im Gewandhaus
Leipzig. Als erster Gewandhauskapellmeister seit Carl Reinke hat Riccardo Chailly gestern und vorgestern im Großen Concert im Gewandhaus Bachs Weihnachtsoratorium dirigiert. Begleitet vom Gewandhausorchester sangen Carolyn Sampson, Wiebke Lehmkuhl, Martin und Wolfgang Lattke, Konstantin Wolff sowie der Dresdner Kammerchor. Im nicht ganz ausverkauften großen Saal überwog am Ende der Jubel.
So rein, so pur, so drahtig, so durchsichtig, so in sich gekehrt ist Bachs Weihnachtsoratorium für viele ein Kulturschock. Ein namhafter Leipziger Tenor und Chorleiter ringt in der Pause um Fassung. In den 50ern habe er das in Dresden mit dem jungen Fischer-Dieskau gehört. So müsse beispielsweise die Bass-Arie mit obligater Trompete am Ende der ersten Kantate klingen. Das Weihnachtsoratorium bedürfe der Erdenschwere. Mit Verlaub, verehrter Kammersänger, es bedarf ihrer nicht, und so wie seinerzeit muss es auch nicht klingen. Wahrscheinlich darf es das gar nicht. Zu viel ist geschehen seither, zu viel wissen wir heute, was seinerzeit niemand wissen konnte – oder wollte. [...]
In diesem Weihnachtsoratorium regieren die Klarheit und die Zartheit, entfaltet sich die Pracht im Inneren, reicht es auch für den Hörer nicht, sich mitreißen zu lassen von lieb gewonnener bis routinierter Feierlichkeit. Hier fügen die Details sich zum Ganzen, brodelt es innerlich, beherrscht ein ganz anderer Klang das Geschehen.
In den Chören ist es federnde Leichtigkeit, die doch Freude eigentlich viel besser transportiert als Nordkurven-Jubel. Und auch da, wo die Trompeten trumpfen und die Fugen gleißen, lässt Chailly die Motorik nie von der Leine. Große Einheiten schlägt er, um nicht zu bremsen, aber keine Stimme ist hier auf sich allein gestellt. Innerhalb der herrlichen großen Chorsätze, dem Jauchzen und Frohlocken, beim Herrscher des Himmels, im Angesicht der böse tobenden Feinde, auch bei den finalen Prunkchorälen bleibt im Ganzen das Einzelne wahrnehmbar. Weil sie jeden angeht, die Heilsgewissheit, die hier verhandelt wird. Und so setzt der Dresdener Kammerchor [...] ganz auf Transparenz und Beweglichkeit, auf kristallinen Glanz und Ereignisdichte.
Im Gewandhausorchester ist der Befund ähnlich – mit dem Unterschied, dass Chailly hier die Linien erst verschweißt, bevor er sie individualisiert. In „Bereite dich, Zion“ etwa, der ersten der vielen so beeindruckend einzigartigen Arien, spielen sonst Oboe d’amore und erste Violinen bestenfalls gemeinsam das obligate Rankenwerk. Hier nun mischen sie sich zum betörend neuen Klang, dem die Geigen die Substanz schenken und die d’amore den Zauber. Im Mittelteil gewichtet Chailly um: Hier übernimmt Hendrik Wahlgren am Doppelrohrblatt die Prägung des Timbres und Sebastian Breuningers Solo-Violine setzt die Glanzlichter auf. Ebenso macht es Chailly in den Chorälen, so geht er die Sinfonia an: Immer neu mischen sich die Instrumente zu Farben, wie sie wohl tatsächlich nur mit modernen Instrumenten darstellbar sind. Wenn die mit der Spielpraktiken, der Delikatesse, der Klar- und Schlankheit bedient werden, die die Historisten uns wieder gelehrt haben.
Dann kann auch Julian Sommerhalders Trompete strahlen, ohne sich der Angeberei verdächtig zu machen, kann David Petersens grandioses Fagott nicht nur das Continuo beleben, da kann Anna Garzuly-Wahlgrens Holzflöte warm leuchten: Barockkultur vom Feinsten. [...]
Vollkommene Homogenität bestimmt dagegen die beinahe instrumental tönenden, von Jörg Genslein mirakulös präparierten Choristen aus der Landeshauptstadt, die auch in den Chorälen nichts als gegeben nehmen, jeden Ton zum Erlebnis werden lassen, daraus beglückende Wunder zeugen (Ich steh an deiner Krippen hier). Und mit minimalen Abstrichen gilt es auch fürs Solisten-Quintett. Martin Lattke braucht einige Takte, um sich auch in der Höhe sicher hineinzufinden in die Evangelisten-Partie. Aber dann rasten Tongebung, Artikulation und Geschmeidigkeit ein, und seine leicht, sicher, schlicht und menschlich geführte Schilderung der Heilsgeschichte greift nach der Seele. Sein Bruder und Amarcord-Kollege Wolfram Lattke geht als Arien-Tenor den umgekehrten Weg. Seine virtuose Hirten-Arie ist auf Welt-Niveau unterwegs. Mit sinnlicher Selbstverständlichkeit perlen die Koloraturen, nichts ist davon zu merken, wie schwer diese Arie ist. [...] Carolyn Sampson führt einen schlackenlos prägnanten Sopran mit wunderbar eigenem Timbre, die [...] Altistin Wiebke Lehmkuhl entwickelt bei aller Klarheit weibliche Kraft. Konstantin Wolffs Bass dagegen bleibt anfangs doch eine Spur zu blass – entwickelt sich aber bis zum Ende ebenfalls.
Das Ganze ist unter den zärtlich formenden Händen Chaillys noch weit mehr als die Summe seine schönen Teile. Er nimmt Gestalt an, der dritte Bach-Weg, dessen Zeit der Gewandhauskapellmeister zu Recht als gekommen sieht. Auf CD kann man ihn bereits mit Hilfe der Brandenburgischen Konzerte beschreiten, die Matthäuspassion folgt zu Ostern. Und zum nächsten Weihnachtsfest liegt auch das Weihnachtsoratorium bei Decca vor. Ein Grund mehr, sich schon wieder aufs Fest der Feste zu freuen.
Peter Korfmacher
30.12.2009
Musik in Dresden
Unwiederholbar und unwiderstehlich
Dresdner Kammerchor beendete Israel-Gastspielreise
Heiligabend im Kreise der Lieben verbringen, dieser Wunsch ging für 29 Sänger des Dresdner Kammerchores in diesem Jahr nicht in Erfüllung. Stattdessen erklärten sie sich bereit, bei einer besonderen Gastspielreise mitzuwirken. Dass man das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach an den hohen Feiertagen selbst mitgestalten darf, ist schon Geschenk genug. Eine besondere Qualität erhielten die Aufführungen des Dresdner Kammerchores aber durch den Ort des Geschehens in der Geburtskirche zu Bethlehem (am 24.12.) und in der Erlöserkirche Jerusalem (am 25.12.). Authentischer wäre nur noch eine Aufführung auf freiem Feld gewesen, aber an dieser vermuteten Stelle steht nun eben die Geburtskirche.
Namhafte Solisten, das Orchester "La Scintilla", der Dresdner Kammerchor und der charismatische italienische Dirigent Riccardo Chailly, der das musikalische Ereignis "unwiederholbar, aber auch unwiderstehlich" nannte, kamen musikalisch zunächst in der Tonhalle in Zürich zusammen, wo am 21.12. ein ausverkauftes Konzert quasi als Generalprobe für Israel diente. In Tel Aviv musizierte man alsdann in der Israeli Opera alle sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums, bevor es zu den historischen Stätten in Bethlehem und Jerusalem ging. Der Palästinenserpräsident Mahmut Abbas wohnte der Aufführung am 24.12. in Bethlehem bei. Das Österreichische und das Schweizer Fernsehen übertrugen live, darüberhinaus gingen die Bilder vom Weihnachtsoratorium in Bethlehem und Jerusalem auch nach Finnland und Japan. Mit den Aufführungen setzte der Veranstalter, das Opernhaus Zürich, ein Zeichen zur Unterstützung des Friedensprozesses im Nahen Osten.
Für den Dresdner Kammerchor war dies auf keinen Fall eine normale Konzertreise, ein Chorist bezeichnete die Erlebnisse eher als "inneren Gottesdienst": jeder mit dem Bach-Werk vertraute Sänger wird den geistlichen Inhalt, der kommuniziert wird, in besonderer Weise in Israel selbst neu verstehen. Bachs Musik gerät so zu einer globalen Sprache, die auch die Zuhörer - gleich welcher Religion und welcher Überzeugung - bei den Konzerten erreichte. Die Reise an Weihnachten indes geriet so zu einer spirituellen Fahrt, bei der auch das Miteinander nicht zu kurz kam: wie in einer "Familie" wurde gemeinsam in Bethlehem und Jerusalem Weihnachten gefeiert.
Alexander Keuk
21.11.2009
Musik in Dresden
Ich, du, er, sie, es, wir alle, Ödipus und Ödipussi
Auch wenn nicht alles, was der neue Intendant Dieter Jaenicke bislang vornehmlich in Gastspielen aus dem bewährten Repertoire der internationalen Moderne präsentierte, so ganz taufrisch war: für einen angenehmen Aufwind sorgte er damit auf jeden Fall. Und wenn es stimmt, dass der Ton die Musik macht, dann sorgen auch ansprechende Formen der Präsentation in Verbindung mit gelungenen Kommunikationsangeboten für angenehme Erneuerungen.
Dass der Tanz mit seinen offenen Formen für ihn eine gute Möglichkeit biete unterschiedliche Kunstformen zusammenzuführen, betonte Jaenicke gleich zu Beginn. Jetzt gibt es die erste regelrechte Hellerauer Neuproduktion, die Constanza Macras mit ihrer Compagnie Dorky Park, der Dresdner Philharmonie und dem Dresdner Kammerchor unter einem frei schwebenden Bühnenbild von Chiharu Shiota zusammenführt.
[...]
Dass man das Hellerauer Team zu dieser Pilotproduktion aber dennoch nur beglückwünschen kann, liegt daran, dass die Tänzerinnen und Tänzer von großartiger Präsenz sind, kräftig und zart, berührend auch, wenn sie in einem Augenblick hellster Visionen so wunderbar einander tragen und ertragen.
Das liegt daran, dass mit den Herren des Dresdner Kammerchores in der Einstudierung von Jörg Genslein ein ausgezeichnetes Ensemble für diesen Part des kommentierenden Chores zur Verfügung steht.
[...]
Boris Michael Gruhl
21.11.2009
Sächsische Zeitung
Feuertaufe für den Graben
Klar musiziert und gesungen, in Standbildern vertanzt: Das Festspielhaus Hellerau bietet Strawinskys Oratorium „Oedipus Rex“.
Drei Premieren kündigte Intendant Dieter Jaenicke am Donnerstag im nicht ausverkauften Festspielhaus Dresden-Hellerau an. Zum einen – natürlich – das zweiaktige Opern-Oratorium „Oedipus Rex“ von Igor Strawinsky. Zum zweiten – und das wurde auch Zeit – die erste Eigenproduktion der fast einjährigen Jaenicke-Intendanz. Zum dritten: der erste Einsatz des bei der Haussanierung 2005 eingebauten Orchestergrabens! Letzterer erfüllt seine Funktion wunderbar. Die Dresdner Philharmonie unter Max Renne war dort nuanciert unterwegs, die Bläsersoli purzelten glasklar, monumentale Tutti ließen den Tessenow-Saal beben. Die Männerstimmen des Dresdner Kammerchors wiederum waren an den Seiten des Grabens platziert und akustisch am präsentesten. Im Gegensatz zu den oft weit hinten auf der Bühne agierenden Solosängern. Lag es an deren eher müden Auftritten oder an den griechisch-epischen Ausmaßen der fast immer wuselvollen Bühne? Der solistische Funke wollte nie so recht zünden.
Unnötig nackter Mann
Visuelle Ausrufezeichen am laufenden Band lieferte jedenfalls das Tanzensemble „Dorky Park“ der bereits mehrfach in Dresden aktiven Choreografin Constanza Macras. Unter einem verstrickten Bühnenbild von Chiharu Shiota, aus dem im Lauf der Zeit einzelne Möbel an Schnüren abgesenkt wurden, spielte sich das Stück mit Blutschande, Verrat, Weissagung und Kampf ab. Trotz mehrerer Sprecher, die das Geschehen erläuterten, vermochte man als Normalsterblicher der tänzerischen Umsetzung des Mythos’ nicht immer zu folgen. Immerhin: Die Standbilder, die die Tänzer hin und wieder auf- und wieder abbauten, beeindruckten. Sie erinnerten an die realistisch-verstörend inszenierten Fotos von Gregory Crewdson.
Ein paar überzeugende Solostimmen mehr, einen unnötig nackten Mann und eine knarzende Maschinerie weniger, und die erste Hellerauer Eigenproduktion seit einem Jahr wäre gelungen zu nennen. So blieben eher gute Einzelleistungen im Gedächtnis, die sich nicht zu einem bestürzend stringenten Ganzen fügen mochten.
Anders Winter
20.11.2009
Mitteldeutsche Zeitung
Das Entsetzen vor der unbezwingbaren Wahrheit
Constanza Macra zeigt «Oedipus Rex» in Dresden-Hellerau
DRESDEN/MZ. Der Himmel über der Szene ist voller Möbel: Tische, Schränke, Stühle, ein Bett baumeln an Seilen wie Puppen. Dazwischen Luftballons, verstreut wie Bilder einer fernen, märchenhaften Kindheit. In der Mitte, übergroß, ein weißes Brautkleid. So beginnt das Spiel um "Oedipus Rex" von Sophokles, die Tragödie vom König Ödipus, der den Psychoanalytikern das große Thema vom Sohn beschert hat, der seine Mutter begehrt. Vom Mann, der in dieser Sehnsucht unfrei bleibt für sich selbst und seine Bindungen.
Nun hat die Choreographin und Regisseurin Constanza Macra, in Berlin lebende Argentinierin, mit ihrer Compagnie Dorky Park diese Geschichte nach der Fassung des Opern-Oratoriums "Oedipus Rex" von Igor Strawinsky und Jean Cocteau auf die Bühne gebracht. Nach der Uraufführung am Donnerstag im nahe Dresden gelegenen Festspielhaus Hellerau gab es langen, starken Applaus und Bravorufe dafür. Der galt, ganz zu Recht, dem Konzept und einer geschlossenen Ensembleleistung, an der neben den Tänzern und Gesangssolisten auch die Dresdner Philharmonie unter Max Renne und der Dresdner Kammerchor (Leitung: Jörg Genslen) ebenso großen Anteil hatten wie das grandiose, schwebende Bühnenbild von Chiharu Shota.
[...]
Adreas Montag
28.09.2009
Dresdner Neueste Nachrichten
Von Bach bis Gundermann
Die Frauenkirchfesttage boten ein reichhaltiges musikalisches Programm
Es war ein reichhaltiges Programm, das die Frauenkirchfesttage ihren Besuchern am Wochenende boten – Gesprächskonzert, Chormusik und instrumentalen Glanz. [...] Anderntags war der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann zu Gast. Das Hauptinteresse galt einer Uraufführung von Karsten Gundermann, der im Auftrag des Chores und der Stiftung Frauenkirche Epigramme geistlichen Inhalts des barocken Lyrikers Angelus Silesius vertont hat. Von chinesischer Musikkultur beeinflusst, fand er dafür eine äußerst komprimierte, gedankenschwere Tonsprache, den knappen Texten angepasst, die die aufmerksam lauschenden Hörer unmittelbar erreichte. Die Anforderungen an den Chor sind hoch. Für eine gültige Interpretation bedarf es eines Ensembles wie den Dresdner Kammerchor, der auch in exponierten Lagen noch rein und klar klingt, unangestrengt wirkt und sich auf gestalterische Spannungsbögen versteht. Ein kontrastreiches Miteinander von Frauen- und Männerchor, sich immer steigernde Klangtürme und –teppiche, asketische, klangliche Schönheit – alles kam bestens zur Geltung und weckte den Wunsch, dem Werk auch nach seiner Uraufführung wieder zu begegnen.
Mendelssohn-Motetten erklangen entschlackt, schlicht und im Ausdruck ganz aufs Wesentliche konzentriert. Ein faszinierender Dialog entfaltete sich zwischen Chor und der von der Orgel (Hans-Dieter Schöne) hoch oben singenden, mit klarem, leuchtenden Sopran ausgestatteten Marie Luise Werneburg in dem innig flehenden Hymnus "Hör mein Bitten". Nicht minder beeindruckend die intonatorische Perfektion und die gestalterische Tiefe in den a-cappella-Sätzen "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen" (Solo: Tobias Mäthger) und "Mitten wir im Leben sind".
Eine Rarität, nämlich Bruckners Messe in e-Moll, beendete in grandioser Manier das Konzert. Natürlich ist die Messe unverkennbar "brucknerisch", aber wegen des Verzichts auf romantische Klangmittel, auf orchestrale Wucht auch von archaischer, renaissanceartiger Schönheit. Ein achtstimmiger Chor singt den Messtext fortlaufend, ohne Soli und in Gemeinschaft mit einer aus Holz- und Blasinstrumenten bestehenden Harmoniemusik (Bläser der Sächsischen Staatskapelle), womit ein expressiver Gestus ausgeschlossen ist. Der Kammerchor bot eine klug ausbalancierte Interpretation, spannend und bis ins Detail stimmig – in sich ruhend das "Kyrie", plausibel in den unterschiedlichen Gestaltungsansätzen das "Credo", zauberhaft das liebliche, fünfstimmige "Benedictus" atemberaubend das feierliche, gleichsam in sich selbst versinkende "Agnus Dei".
M. Hanns
22.09.2009
Freie Presse
Sang und Klang mit Silbermann
Abschlusskonzert der Silbermann-Tage im Freiberger Dom mit dem Dresdner Kammerchor setzt hoffnungsvolle
Zeichen für fruchtbare Zukunft
Freiberg . Das Abschlusskonzert der diesjährigen Silbermanntage im Dom zu Freiberg setzte ein gutes Zeichen für die Zukunft: Allein die hoffnungsvollen jungen Organisten, die die Preise des internationalen Orgelwettbewerbs errungen haben und sich an der Großen Silbermannorgel des Doms dem Publikum vorstellten, sie werden gewiss in diesem oder jenem Konzert auch in Freiberg wieder zu hören sein. Es war vor allem die Mitwirkung des Dresdner Kammerchors unter Leitung von Hans-Christoph Rademann, die auf eine künftige Kooperation der Gottfried-Silbermann-Gesellschaft mit dem neu entstehenden Musikfest im Erzgebirge hindeutet. Der Präsident der Gesellschaft, Dietrich Wagler, sprach diese Erwartung deutlich aus.
Denn Rademann und der Dresdner Kammerchor waren maßgeblich am Entstehen und an der jahrelangen Funktion des Festes Alter Musik im Erzgebirge beteiligt, das 2008 ausklang und nun in einem neuen und umfassenderen Festival aufgehen soll. Das Abschlusskonzert am Sonntagabend in Freiberg war insofern auch eine Begegnung künftiger Partner. Zumal sich der Freiberger Domorganist Albrecht Koch mit dem Chor zu gemeinsamem Musizieren vereinte. Aus der Höhe des Dom-Lettner herab, wo die Kleine Silbermann-Orgel steht und wo sich der Chor platzierte, hinterließen die Choralkantate Mendelssohn Bartholdys "Verleih uns Frieden" und sein Hymnus "Hör mein Bitten" einen sehr tief gehenden Eindruck.
Es war insgesamt ein vorzüglicher Auftritt dieses renommierten Chors aus Dresden mit einem Programm, das sich ganz und gar dem einen Jubilar des Jahre Felix Mendelssohn Bartholdy widmete. Sein intensiver Umgang mit Bachs Chormusik inspirierte den Komponisten zu vielen geistlichen Werken, darunter Motetten, Kantaten und Psalmvertonungen, die hier zu hören waren. Es war ein Erlebnis. Rademann, der als einer der besten deutschen Chorleiter gilt und unter anderem Chefdirigent des renommierten Rias-Kammerchors ist, kann mit dem Dresdner Ensemble aus dem Vollen schöpfen und ganz auf Interpretation setzen.
Die stimmliche Qualität des Dresdner Kammerchors vereint sich mit einer vorzüglichen Textartikultation. Die dynamisch bis in feinste Nuancen abgestufte Vortragsweise der Mendelssohn-Kompositionen in ihrer kunstvollen Mehrchörigkeit - bis zu vier vierstimmigen Chören in dem abschließenden sehr zu Herzen gehenden "Hora est" - fand in Freiberg viel Anerkennung und langen Beifall.
[...]
Reinhold Lindner
08.08.2009
Dresdner Neueste Nachrichten
Ein Geschenk vom Kammerchor
Öffentliche Generalprobe mit Konzertqualität
Manchmal kann ein Konzert zu einer Erweiterung des Allgemeinwissens führen, die weit über das musikalische Ereignis hinausgeht. Das Konzert des Dresdner Kammerchors, das am Mittwoch in der Dreikönigskirche stattfand, war ein Beispiel dafür. Das erste Werk des Programms, Händels „Utrecht Te Deum“ (Te Deum für den Frieden von Utrecht) HWV 278 entstand 1713 für eine Dankfeier zum Ende des spanischen Erbfolgekriegs, so dass die Aufführung dazu einlud, sich über den historischen Hintergrund zu informieren. Händel hat die Komposition mindestens in Teilen schon vor dem Friedensschluss fertiggestellt und für den gleichen Anlass auch noch ein Jubilate geschrieben. Der Text ist der des Ambrosianischen Lobgesangs, hier aber in englischer Übersetzung aus einem Gebetbuch von 1662. Auf heutige Hörer wirkt die grandiose Festlichkeit eher etwas unverbindlich. Um so bemerkenswerter war die Leistung des Chors unter Hans-Christoph Rademann. Die Intensität des Musizierens teilte sich unmittelbar mit, bezog ihre Kraft aus den kontrastierenden Werkelementen und nicht in erster Linie aus oft beachtlicher Lautstärke.
Mit zwei Chorwerken mit Orgelbegleitung wurde Felix Mendelssohns gedacht. Die Sopranistin Susanna Pütters, die kraftvoll und sensibel sang, und die konsequent zurückhaltenden Interpretationsvorgaben Rademanns verhalfen dazu, das die Hymne „Hör mein Bitten“ aus dem Jahr 1844 die Grenze zum Sentimentalen gerade noch vermeiden konnte. Dadurch kam auch die bildhafte Textbehandlung besser zur Wirkung.
Unter den geistlichen Kantaten J.S. Bachs nimmt „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 durch ihren Umfang und die Vielfalt der kompositorischen Mittel eine besondere Stellung ein. Rademann betonte den Kontrast aus Staccato und Legato in der einleitenden Sinfonia und setzte in der Folge starke Akzente auf den ersten Ton jedes Takts. Gleich darauf musste sich der Chor als koloraturenfest beweisen. Die wunderbar geblasene Solooboe in der Arie „Seufzer, Tränen, Kummer, Not“ sei hier stellvertretend für die ausgewogene und blitzsaubere Leistung des Dresdner Barockorchesters genannt. Die Interpretation setzte auf häufigen Wechsel zwischen Soli und Chorplenum und auf die Herausarbeitung des Charakters der Rhythmuswechsel.
Die solistischen Leistungen von Susanna Pütters, Franziska Gottwald, Eric Stockloßa und Yorck Felix Speer und der Organistin Helene Lerch rundeten ein Konzert ab, das eigentlich eine öffentliche Generalprobe für den Auftritt bei der Bachwoche Ansbach war. Die Musiker machten den Dresdnern das Geschenk einer Veranstaltung bei freiem Eintritt. Und die hatte nicht nur die Qualität eines vollwertigen Konzerts, sie wurde auch dankbar angenommen.
Peter Zacher